Tarot für sich selbst legen: geht das – und wie bleiben Sie ehrlich?
Kann man sich selbst die Karten legen? Objektivität, blinde Flecken, ein einfaches Ritual, das Tarot-Tagebuch und wann es besser ist, jemand anderen zu fragen.
Inhalt(7 Abschnitte)
Ja, Sie können sich selbst die Karten legen – viele Menschen lernen das Tarot genau so. Die eigentliche Herausforderung ist die Befangenheit: Bei eigenen Fragen sieht man leicht, was man sehen möchte, und übergeht, was stört. Mit ein paar Gewohnheiten lässt sich das deutlich verringern: Frage aufschreiben, Positionen vorher festlegen, Karten erst beschreiben und dann deuten, alles notieren und später erneut lesen.
Für sich selbst zu legen hat zudem einen ganz eigenen Vorteil: Sie kennen den Zusammenhang, die Nebengeräusche, das, was Sie nur sich selbst anvertrauen. Wenn Sie ehrlich mit sich bleiben, kann eine Legung für sich selbst sehr tief gehen. Dieser Artikel zeigt, wie das gelingt, wo die blinden Flecken liegen und wann es klüger ist, einen anderen Blick hinzuzuziehen.
Darf man das? Ein verbreiteter Aberglaube
Man hört gelegentlich, das Legen für sich selbst bringe Unglück oder die Karten verlören dabei ihre Wirkung. Historisch betrachtet gehört diese Behauptung ins Reich des Aberglaubens. Das Tarot war jahrhundertelang ein Kartenspiel; die Kartenlegekunst kam erst später hinzu und lebt von Gewohnheiten, die jede Person frei gestalten kann. Das angebliche Verbot, für sich selbst zu legen, ist schlicht eine Redensart, die sich hartnäckig hält.
In unserem Ansatz, der das Tarot als Spiegel versteht, ist die Frage ohnehin einfach: Ein Spiegel funktioniert gerade dann, wenn man allein davorsteht. Die eigentliche Frage lautet: „Wie schaue ich ehrlich hin?“.
Die blinden Flecken beim Legen für sich selbst
Jede Person, die für sich selbst legt, kennt diese Fallen. Es hilft, sie beim Namen zu nennen.
Wunschdenken. Sie hoffen auf eine bestimmte Antwort und finden sie – notfalls, indem Sie eine Karte so lange umdeuten, bis sie passt. Der Stern (L’Étoile) wird dann zur Bestätigung, dass „alles gut wird“, obwohl er in der gewählten Position vielleicht von einer Hoffnung spricht, die erst noch Boden finden muss.
Angstlesen. Das Gegenteil: In einer sorgenvollen Phase wird jede Karte zur Bedrohung. Das Haus Gottes (La Maison Dieu) erscheint als Katastrophe, die namenlose Karte XIII (l’Arcane sans nom) als Ende, obwohl beide ebenso gut von notwendiger Veränderung und Befreiung erzählen können.
Die übersehene Karte. Bei drei Karten konzentrieren Sie sich auf die zwei, die zu Ihrer Geschichte passen, und streifen die dritte nur. Gerade diese dritte Karte enthält oft den Hinweis, den Sie am dringendsten brauchen.
Wiederholtes Ziehen. Wenn die erste Legung missfällt, zieht man eine zweite, eine dritte – bis eine passt. Am Ende hat man vor allem sich selbst bestätigt.
Die verschobene Frage. Sie fragen „Was hilft mir, mit meiner Kollegin klarzukommen?“ und lesen die Karten plötzlich so, als hätten Sie gefragt „Liegt es an ihr?“. Die Frage wandert unbemerkt dorthin, wo es bequemer ist.
Das Bild auf diesem Artikel, Der Mond (La Lune), steht in vielen Deutungen genau für diese Zone: Spiegelungen, Unklarheit, Dinge, die im Halbdunkel anders aussehen, als sie sind. Ihn sich beim Legen für sich selbst gelegentlich in Erinnerung zu rufen, ist eine gute Idee.
Ein einfaches Ritual, das Abstand schafft
Ein Ritual ist ganz einfach eine Abfolge von Schritten, die Sie sammelt und einen gewissen Abstand zwischen Ihrem Wunsch und Ihrer Deutung herstellt. Dieses hier dauert etwa zwanzig Minuten.
- Ort und Zeit. Wählen Sie einen ruhigen Moment, mit etwas Abstand zu einem Streit oder einer schlechten Nachricht. Telefon in einen anderen Raum.
- Die Frage aufschreiben. Offen, auf Sie bezogen, begrenzt. Wenn Sie unsicher sind, wie das geht, hilft unser Artikel zum Stellen der richtigen Tarot-Frage.
- Die Befangenheit benennen. Schreiben Sie einen Satz darunter: „Was ich mir als Antwort wünsche: …“ Das klingt seltsam, wirkt aber. Was ausgesprochen ist, beeinflusst die Deutung weniger heimlich.
- Positionen festlegen. Zum Beispiel Lage – Hindernis – Rat. Notieren Sie sie, bevor Sie mischen.
- Mischen und ziehen. In Ruhe und so lange, wie es sich stimmig anfühlt.
- Beschreiben vor Deuten. Schreiben Sie zu jeder Karte zuerst nur auf, was Sie sehen: Figur, Haltung, Blickrichtung, Gegenstände, Farben. Erst danach: Was bedeutet das an dieser Position, für diese Frage?
- Ein Satz. Fassen Sie die Legung in einem Satz zusammen.
- Gegenprobe. Lesen Sie Ihren Satz neben dem Wunsch aus Schritt 3. Sagen beide dasselbe? Dann prüfen Sie besonders kritisch, ob Sie die Karten ehrlich gelesen haben.
Das Tarot-Tagebuch: Ihr wichtigstes Werkzeug
Wer für sich selbst legt, sollte notieren. Ein einfaches Heft reicht. Für jede Legung: Datum, Frage, Positionen, die gezogenen Karten, Ihre Beschreibung, Ihr Satz – und eine leere Zeile für später.
Diese leere Zeile ist das Entscheidende. Lesen Sie die Legung nach einer oder zwei Wochen noch einmal und schreiben Sie dazu, was Sie inzwischen sehen. Oft zeigt sich, dass eine Karte, die beim Ziehen rätselhaft war, im Rückblick genau den Punkt traf, den Sie damals übergehen wollten. Das ist ein Zeichen, dass Sie mit Abstand ehrlicher hinschauen – und genau darin liegt der Gewinn des Tagebuchs.
Mit der Zeit zeigt das Tagebuch auch Muster. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie immer zu Beziehungsfragen legen und den Beruf aussparen. Oder dass bestimmte Karten bei Ihnen immer dieselbe Reaktion auslösen. Der Eremit (L’Hermite) beunruhigt manche Menschen, weil er nach Einsamkeit aussieht, andere empfinden ihn als Erleichterung. Was er für Sie bedeutet, sagt viel über Ihre aktuelle Lage. Zur Orientierung über die Grundbedeutungen dienen unsere Beschreibungen der 78 Karten, aber Ihr Tagebuch zeigt, was die Karten in Ihrem Leben bedeuten.
Ein Beispiel aus dem Tagebuch
So könnte ein Eintrag aussehen. Frage: „Was hilft mir, mit der Überforderung durch Arbeit und Kinder umzugehen?“ Wunsch: „Dass ich mich einfach besser organisieren muss.“ Positionen: Lage – Hindernis – Rat. Karten: Der Wagen (Le Chariot), Die Kraft (La Force), Die Mäßigkeit (Tempérance).
Beschreibung: Der Wagen – eine Figur, frontal, lenkt zwei Pferde freihändig. Die Kraft – eine Frau öffnet oder schließt mit bloßen Händen das Maul eines Löwen. Die Mäßigkeit – eine geflügelte Figur gießt Flüssigkeit von einem Gefäß in ein anderes.
Erster Satz: „Ich muss die Zügel fester in die Hand nehmen.“ Gegenprobe: Das ist genau mein Wunsch. Zweiter Blick: Die Kraft als Hindernis spricht eher von dem Versuch, alles mit Willenskraft zu bezwingen. Die Mäßigkeit als Rat spricht von Ausgleich, vom Hin- und Hergießen, von einem sanften Fließen. Neuer Satz: „Das Problem liegt darin, dass ich alles mit Kraft regeln will; der Rat wäre, Lasten zu verteilen.“ Zwei Wochen später, Nachtrag: „Habe mit meinem Partner die Abholtage neu verteilt. Weniger Druck.“
Dieses Beispiel ist erfunden, um die Methode zu zeigen. Aber genau so arbeitet das Tagebuch: Es macht sichtbar, wo Wunsch und Karten auseinandergehen.
Wann es besser ist, jemand anderen zu fragen
Für sich selbst zu legen hat Grenzen. In einigen Situationen ist ein anderer Blick hilfreicher.
Wenn Sie stark aufgewühlt sind. In akuter Trauer, nach einer Trennung, in einer Krise ist der Abstand zu klein. Jede Karte wird zur Projektionsfläche. Hier hilft es mehr, mit einem vertrauten Menschen zu sprechen, als Karten zu ziehen.
Wenn Sie sich im Kreis drehen. Wenn Sie zur selben Frage immer wieder legen und auf der Stelle treten, braucht es meist einen frischen Blick von außen. Eine andere Person – eine Freundin, die das Tarot kennt, oder eine erfahrene Leserin – kann Ihnen zeigen, was Sie übersehen. Auch eine Deutung in unserer App kann einen Außenblick liefern; das Gespräch mit einem Menschen, der Sie kennt, bringt zusätzlich Wärme und gemeinsame Erfahrung ein.
Wenn die Frage existenziell ist. Bei Entscheidungen, die Ihr Leben stark verändern, ist ein Gespräch mit Menschen, die Sie gut kennen, oft wertvoller als jede Legung.
Wenn eine Fachfrage dahintersteht. Gesundheit, Recht, Finanzen, psychische Belastung: Hier gehört eine qualifizierte Fachperson an Ihre Seite. Das Tarot kann helfen, Ihre Gefühle zu ordnen, aber nicht die Sachfrage beantworten. Wenn es Ihnen seelisch schlecht geht, erreichen Sie in Deutschland die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, in Österreich unter 142, in der Schweiz Die Dargebotene Hand unter 143.
Ethik beim Legen für andere
Wenn Sie umgekehrt anfangen, für Freunde oder Familie zu legen, gelten einige einfache Grundsätze: Sie legen, wenn die Person es ausdrücklich wünscht, Sie formulieren wohlwollend und ermutigend, Sie bleiben bei der Person vor Ihnen und ihrem eigenen Erleben, und Sie respektieren, dass die Entscheidung bei ihr liegt. Und Sie behalten für sich, was Ihnen anvertraut wurde. Das sind dieselben Grundsätze, die wir auch für unsere eigenen Deutungen anwenden; mehr dazu in unserem Artikel Tarot als Spiegel.
Kleine Übungen für den Einstieg
Wenn Sie regelmäßig für sich legen möchten, beginnen Sie klein:
- Die Karte des Tages. Morgens eine Karte ziehen, beschreiben, abends notieren, ob und wie das Thema im Tag vorkam. Eine reine Aufmerksamkeitsübung, die den Blick für den Tag schärft.
- Die Wochenfrage. Am Sonntag eine Frage für die kommende Woche, drei Karten, ein Satz. Am nächsten Sonntag nachlesen.
- Der Perspektivwechsel. Legen Sie dieselbe Frage gedanklich einer Freundin in den Mund. Wie würden Sie die Karten für sie deuten? Oft sind wir mit anderen milder und zugleich klarer als mit uns selbst. Der Unterschied zwischen beiden Deutungen zeigt, wo Ihre Befangenheit sitzt.
- Die Gegenkarte. Wenn eine Legung sehr eindeutig scheint, ziehen Sie bewusst eine zusätzliche Karte mit der Frage: „Was übersehe ich?“ Lesen Sie sie ernst, auch wenn sie stört.
Digitale Legungen können diese Übungen ergänzen. Sie haben einen Vorteil: Die Deutung kommt von außen und bleibt frei von Ihren Wünschen. Sie haben aber auch eine Grenze: Sie kennen genau das, was Sie schreiben. Am meisten bringt die Kombination – erst selbst beschreiben und deuten, dann die Deutung von außen lesen und vergleichen, wo beide übereinstimmen und wo sie auseinandergehen.
Wenn Sie es ausprobieren möchten, können Sie mit einer Legung in unserer App beginnen und die Deutung anschließend in Ihr Tagebuch übertragen – ergänzt um das, was Sie selbst in den Karten sehen. Die Entscheidung, was Sie daraus machen, bleibt bei Ihnen.
Häufige Fragen
Darf man sich selbst die Karten legen?
Ja, ausdrücklich. Viele Menschen lernen das Tarot gerade dadurch, dass sie sich selbst Fragen stellen. Der verbreitete Aberglaube, man dürfe nur für andere legen, ist eine bloße Redensart: Historisch war das Tarot zuerst ein Kartenspiel, und die Legekunst entwickelte ihre Gewohnheiten frei. Die eigentliche Schwierigkeit liegt woanders: Bei eigenen Fragen ist man befangen und liest leicht, was man lesen möchte.
Wie bleibe ich beim Legen für mich selbst objektiv?
Mehr Objektivität gewinnen Sie durch feste Gewohnheiten: die Frage vorher aufschreiben, die Positionen vor dem Ziehen festlegen, jede Karte zuerst nur beschreiben und erst dann deuten, die Legung notieren und nach einigen Tagen erneut lesen. So entsteht Abstand zwischen Ihrem Wunsch und dem, was die Karten zeigen. Mit der Zeit erkennen Sie auch Ihre typischen Muster.
Wie oft sollte ich mir selbst die Karten legen?
Eine Karte am Tag als Impuls ist für viele ein guter Rhythmus. Größere Legungen zu wichtigen Fragen sind seltener sinnvoll, etwa wenn eine Entscheidung ansteht oder sich etwas Wesentliches verändert hat. Wenn Sie mehrmals täglich zur selben Frage legen, ist das ein Zeichen, eher eine Pause einzulegen als weitere Karten zu ziehen.
Wann sollte ich lieber jemand anderen fragen?
Wenn Sie emotional sehr aufgewühlt sind, wenn Sie sich bei jeder Legung im Kreis drehen oder wenn die Frage für Sie existenziell ist. Ein anderer Blick, sei es eine erfahrene Person oder ein vertrauter Mensch, bringt dann mehr Abstand. Bei seelischer Not oder fachlichen Fragen ist zudem eine qualifizierte Fachperson die richtige Ansprechpartnerin. Das ist ein Zeichen von Sorgfalt und Selbstachtung.
Brauche ich ein besonderes Ritual?
Nein. Ein einfaches genügt völlig. Ein Ritual ist eine Hilfe zur Konzentration. Ein ruhiger Ort, ein paar Atemzüge, die aufgeschriebene Frage und ein Notizbuch genügen. Manche zünden eine Kerze an oder legen immer zur selben Tageszeit. Wichtig ist nur, dass das Ritual Sie sammelt und Ihnen Ruhe schenkt. Es erfüllt seinen Zweck, wenn Sie sich danach klarer und gelassener fühlen.
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