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Umgekehrte Karten im Tarot de Marseille: deuten oder nicht – und wie?

Verändert eine Karte, die auf dem Kopf liegt, ihre Bedeutung? Die Tradition, die Debatte, drei Lesarten und Alternativen über Position und Nachbarkarten.

Von Mélibée und Joris ·

Umgekehrte Karten im Tarot de Marseille: deuten oder nicht – und wie?
Inhalt(7 Abschnitte)

Ob Sie umgekehrte Karten deuten, ist eine Frage der Konvention: Sie wählen eine Spielregel. Im Tarot de Marseille richten viele Lesende alle Karten auf und achten auf die Position der Karte, die Blickrichtungen und die Nachbarkarten. Andere deuten eine umgekehrte Karte als gebremste oder nach innen gewendete Kraft. Beides ist legitim – solange Sie Ihre Regel vor der Legung festlegen und für alle Karten gleich anwenden.

Wir empfehlen dabei die feineren Lesarten. Die alte Regel, nach der eine umgekehrte Karte schlicht das Gegenteil bedeutet – aus Erfolg wird Scheitern, aus Verbindung Trennung –, färbt die Hälfte aller Legungen dunkel; die Lesart der gebremsten Kraft gibt Ihnen deutlich mehr Stoff zum Nachdenken. Im Folgenden erfahren Sie, woher die Praxis kommt, welche Lesarten es gibt, wie Sie Ihre wählen und welche Alternativen das Tarot de Marseille bietet.

Was ist eine umgekehrte Karte überhaupt?

Eine Karte gilt als umgekehrt, wenn sie beim Aufdecken auf dem Kopf liegt. Das geschieht nur, wenn das Spiel so gemischt wurde, dass sich einzelne Karten drehen können – etwa beim Verteilen auf dem Tisch. Wer seine Karten immer aufrecht hält oder nach dem Ziehen aufrichtet, liest jede Karte automatisch in ihrer Grundausrichtung.

Das Tarot de Marseille eignet sich dennoch gut für diese Frage, weil seine Bilder asymmetrisch gestaltet sind. Fast jede Figur hat eine klare Ausrichtung: Sie steht, sitzt, hängt, geht nach links oder rechts. Der Gehängte (Le Pendu) ist ein Sonderfall – aufrecht hängt er bereits kopfüber. Liegt er umgekehrt, steht er scheinbar auf den Füßen. Schon dieses Beispiel zeigt, dass hier ein wacher Blick mehr leistet als eine mechanische Regel.

Praktisch: so mischen Sie

Wenn Sie Umkehrungen deuten möchten, brauchen Sie eine Mischtechnik, bei der sich Karten tatsächlich drehen. Am einfachsten verteilen Sie das Spiel verdeckt auf dem Tisch, schieben die Karten mit beiden Händen in kreisenden Bewegungen durcheinander und sammeln sie wieder ein. Sie können auch einen Teil des Stapels vor dem Mischen um 180 Grad drehen. Wenn Sie alle Karten aufrecht lesen, mischen Sie wie gewohnt und richten jede Karte beim Aufdecken auf. Wichtig ist nur, dass Sie beim Aufdecken immer in dieselbe Richtung drehen, etwa von unten nach oben – so bestimmt allein das Mischen die Ausrichtung.

Was die Tradition sagt – und warum gestritten wird

Das Tarot entstand im 15. Jahrhundert in Norditalien als Kartenspiel. Beim Spielen zählt allein der Wert einer Karte, gleich wie herum sie in der Hand liegt. Die Idee, die Ausrichtung zu deuten, kam mit der Kartenlegekunst auf. Im späten 18. Jahrhundert veröffentlichte der Pariser Kartenleger Etteilla (Jean-Baptiste Alliette) Schriften und ein eigenes Tarot zum Kartenlegen, in denen aufrechte und umgekehrte Bedeutungen unterschieden werden. Im 19. und 20. Jahrhundert übernahmen viele okkultistische und später populäre Handbücher diese Praxis, vor allem im englischsprachigen Raum rund um das Rider-Waite-Smith-Tarot.

In der Tradition des Tarot de Marseille, wie sie im 20. Jahrhundert etwa Paul Marteau mit seinem Buch Le Tarot de Marseille (1949) geprägt hat, steht dagegen die Lektüre der Bilder und ihrer Beziehungen im Vordergrund. Heute gibt es Lesende in beiden Lagern. Die Argumente:

  • Für das aufrechte Lesen: Jede Karte trägt ihre hellen und dunklen Seiten bereits in sich. Ob Die Kraft (La Force) für sanfte Selbstbeherrschung oder für Verbissenheit steht, zeigt der Kontext – die Frage, die Position, die Nachbarn. Umkehrungen verdoppeln den Lernaufwand für einen kleinen Zugewinn.
  • Für Umkehrungen: Sie geben eine zusätzliche Nuance, die man auf einen Blick sieht. Gerade bei kurzen Legungen mit einer oder drei Karten kann diese Information hilfreich sein.

Beide Lager haben gute Gründe. Entscheidend ist, welche Konvention zu Ihrer Art zu lesen passt.

Drei Lesarten im Überblick

1. Alle Karten aufrecht lesen

Sie richten jede Karte auf und lesen alle Nuancen aus dem Zusammenhang. Das Haus Gottes (La Maison Dieu) kann eine Befreiung oder ein Schock sein; was davon gilt, erkennen Sie am Zusammenhang. Sie schauen auf die Frage und auf die Karten daneben.

Vorteil: einfacher, übersichtlicher, besonders für den Einstieg. Grenze: Sie müssen die Beziehungen zwischen den Karten genauer lesen, um die Feinheiten zu finden.

2. Gebremste oder nach innen gewendete Kraft

Die heute verbreitetste Lesart. Die Karte behält ihre Bedeutung, aber ihr Ausdruck ist gedämpft oder verschoben: blockiert, verzögert, nach innen gerichtet oder im Gegenteil übertrieben.

KarteAufrecht (Grundidee)Umgekehrt („gebremste“ Lesart)
Der Gaukler (Le Bateleur)anfangen, wagen, die Mittel in der Hand habenzögern, sich verzetteln, die Mittel liegen lassen
Der Eremit (L’Hermite)Abstand nehmen, allein suchensich aus Angst zurückziehen, Hilfe ablehnen
Die Sonne (Le Soleil)Klarheit, geteilte FreudeFreude, die sich schwer zeigen kann, Anerkennung, die noch aussteht
Die Kraft (La Force)sanfte Selbstbeherrschungsich zwingen oder sich überrollen lassen
Die Herrscherin (L’Impératrice)Ausdruck, Kreativität, WachstumIdeen, die im Inneren bleiben; Selbstzweifel

Vorteil: feine Nuancen, bei denen der Kern der Bedeutung erhalten bleibt. Grenze: Die Versuchung ist groß, jede umgekehrte Karte als „negativ“ abzustempeln; mit Achtsamkeit lesen Sie sie als Hinweis.

3. Gegenteilige Bedeutung

Die Lesart der klassischen Kartenlegebücher: Eine umgekehrte Karte bedeutet das Gegenteil. Erfolg wird Misserfolg, Verbindung wird Trennung.

Vorteil: einfach anzuwenden. Grenze: die fatalistischste Variante und aus unserer Sicht die starrste. Sie verwandelt Karten in Urteile und engt den Raum für Ihre eigene Einschätzung ein.

Die Angst vor der umgekehrten Karte

Viele Menschen erschrecken, wenn eine Karte auf dem Kopf liegt. Das ist verständlich: Ein auf dem Kopf stehendes Bild wirkt instinktiv falsch. Doch gerade in einem Ansatz, der das Tarot als Spiegel versteht, ist eine umgekehrte Karte ein Hinweis, eine Einladung zum genaueren Hinsehen. Sie zeigt einen Punkt, an dem etwas hakt – eine Kraft, die da ist und darauf wartet, wieder zu fließen.

Ein Beispiel: Sie fragen „Wie kann ich in meinem Team mehr Verantwortung übernehmen?“, und Der Herrscher (L’Empereur) erscheint umgekehrt. Eine konstruktive Lesart lautet: Die Fähigkeit zu strukturieren und zu führen ist vorhanden und wartet darauf, dass Sie sie zeigen – oder Sie setzen sie mit zu viel Härte ein. Beide Hinweise geben Ihnen etwas, woran Sie arbeiten können.

Wenn Sie merken, dass Umkehrungen Ihnen vor allem Angst machen, ist das ein guter Grund, eine Zeit lang alle Karten aufrecht zu legen. Das Ziel einer Legung ist Klarheit und innere Ruhe.

Hilfreich ist auch ein Blick auf das, was eine umgekehrte Karte tatsächlich zeigt: dasselbe Bild, nur aus einem anderen Winkel. Die Figuren, Gegenstände und Farben sind dieselben. Manche Lesende drehen eine umgekehrte Karte deshalb kurz um, betrachten sie aufrecht und fragen sich dann, was es bedeuten könnte, dass dieses Bild „kopfsteht“ – ein Perspektivwechsel, der neue Fragen öffnet.

Alternativen zur Umkehrung

Position, Blickrichtung, Nachbarkarten

Wer alle Karten aufrecht liest, behält den ganzen Reichtum an Nuancen, sobald er die Mittel nutzt, die das Tarot de Marseille ohnehin bietet.

Die Position. Dieselbe Karte liest sich in der Position „Hindernis“ anders als in der Position „Rat“. Der Gehängte als Hindernis: Sie warten zu lange, Sie halten sich selbst fest. Der Gehängte als Rat: Halten Sie inne, schauen Sie die Sache aus einem anderen Winkel an. Die Position übernimmt hier die Rolle, die bei anderen die Umkehrung spielt.

Die Blickrichtung. Viele Figuren schauen nach links oder rechts. Schaut eine Figur zur Nachbarkarte hin, entsteht ein Austausch; schaut sie weg, eher eine Distanz oder ein Abschied. Die Herrscherin, die auf eine Karte blickt, die für ein Projekt steht, lässt sich anders lesen als eine Herrscherin, die sich davon abwendet.

Die Nachbarkarten. Eine Karte zwischen zwei sehr ruhigen Karten wirkt anders als dieselbe Karte zwischen zwei bewegten. Wie Sie zwei Karten miteinander ins Gespräch bringen, erklärt unser Artikel zum Lesen von Zwei-Karten-Kombinationen.

Ein Beispiel: dieselbe Legung, zwei Konventionen

Damit der Unterschied greifbar wird, eine Legung in drei Karten zur Frage „Was hilft mir, meine Selbstständigkeit wieder mit mehr Freude zu betreiben?“ – Lage, Hindernis, Rat. Gezogen werden: Die Herrscherin (L’Impératrice), Der Teufel (Le Diable) umgekehrt, Die Sonne (Le Soleil).

Mit der Lesart „gebremste Kraft“. Die Herrscherin beschreibt eine Lage voller Ideen und Ausdruckskraft. Der umgekehrte Teufel als Hindernis: Die Bindungen, die Sie festhalten – etwa an einen schwierigen Großkunden oder an den Anspruch, alles allein zu machen –, sind noch da, aber sie beginnen sich zu lockern; vielleicht sind Sie selbst schon dabei, sie zu hinterfragen, und zögern noch vor dem letzten Schritt. Die Sonne als Rat: Zusammenarbeit, Offenheit, Freude am Teilen.

Mit aufgerichteten Karten. Auch der Teufel steht nun aufrecht. Er bleibt als Hindernis eine Bindung, eine Abhängigkeit, eine Faszination, die Kraft kostet. Die Nuance „lockert sich bereits“ liefert nun die Nachbarschaft: Die Sonne daneben zeigt zwei Figuren, die frei nebeneinanderstehen – das Gegenbild zu den angeketteten Figuren des Teufels. Der Weg aus der Bindung heraus ist also schon im Bild angelegt.

Beide Lesarten kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Sie nehmen nur unterschiedliche Wege dorthin. Das zeigt gut: Umkehrungen sind ein Werkzeug unter mehreren, das Sie frei wählen können.

So wählen Sie Ihre Konvention

  1. Entscheiden Sie vor dem Ziehen. Eine Regel, die vorher feststeht, hält die Legung ehrlich und Ihre Deutung verlässlich.
  2. Beginnen Sie aufrecht. Lernen Sie in den ersten Monaten jede Karte aufrecht und mit ihren beiden Gesichtern, dem hellen und dem schwierigen.
  3. Nehmen Sie Umkehrungen später hinzu, am besten mit der Lesart „gebremste Kraft“, sobald Sie sich mehr Nuancen wünschen.
  4. Bleiben Sie in einer Legung konsequent. Alle Karten folgen derselben Regel.
  5. Notieren Sie Ihre Wahl. Wer ein Tarot-Tagebuch führt, schreibt die Konvention gleich mit dazu. So können Sie später vergleichen, welche Art zu lesen Ihnen mehr gebracht hat.

Das Wichtigste in Kürze

Sie haben die Wahl: Alle Karten aufrecht zu lesen ist ebenso legitim, wie Umkehrungen zu deuten. Wenn Sie sie lesen, ist die Lesart „gebremste Kraft“ der Lesart „Gegenteil“ vorzuziehen. Und was zählt, ist die Folgerichtigkeit: eine Konvention, vor dem Ziehen gewählt, für alle Karten gleich.

Um das in der Praxis zu üben, finden Sie die Bedeutungen jeder Karte in unseren 78 Kartenbeschreibungen des Tarot de Marseille. Oder Sie machen eine Legung zu der Frage, die Sie gerade beschäftigt – und schauen dabei auf Position, Blick und Nachbarschaft der Karten.

Häufige Fragen

Ist eine umgekehrte Karte immer negativ?

Nein. Eine umgekehrte Karte beschreibt eine Kraft in besonderer Form: je nach Lesart gebremst, nach innen gewendet, übersteigert oder verzögert. Auch die umgekehrte Sonne bleibt eine Sonne. Sie kann eine Freude beschreiben, die erst nach außen finden will, oder eine Anerkennung, die noch auf dem Weg ist. Entscheidend sind die Frage und die Position der Karte.

Muss ich die Karten beim Mischen umdrehen?

Nur wenn Sie sich entschieden haben, umgekehrte Karten zu deuten. Dann mischen Sie so, dass sich einige Karten drehen, zum Beispiel indem Sie das Spiel auf dem Tisch verteilen und mit beiden Händen verschieben. Wenn Sie alle Karten aufrecht lesen, richten Sie jede Karte vor dem Deuten einfach auf. Wichtig ist, dass Sie diese Regel vor der Legung festlegen.

Gibt es umgekehrte Karten in der Tradition des Tarot de Marseille?

Die Deutung umgekehrter Karten hat sich vor allem mit der Kartenlegekunst ab dem späten 18. Jahrhundert und in den Schulen des 20. Jahrhunderts verbreitet. Viele Leserinnen und Leser des Tarot de Marseille richten alle Karten auf. Sie achten auf die Blickrichtung der Figuren und auf die Beziehungen zwischen benachbarten Karten. Beide Wege sind legitim.

Berücksichtigen Online-Legungen umgekehrte Karten?

Das hängt vom jeweiligen Werkzeug ab. Wichtig ist, dass die Regel für alle Karten einer Legung gleich ist und vorher feststeht – ob Sie Umkehrungen lesen oder alle Karten aufrichten. Ein Werkzeug, das Ihnen erst nach dem Ziehen verrät, ob eine Karte „umgekehrt“ gilt, macht die Deutung beliebig. Achten Sie also darauf, wie ein Werkzeug mit Umkehrungen umgeht, und lesen Sie danach.

Wie lerne ich umgekehrte Karten am besten?

Lernen Sie zuerst jede Karte aufrecht, mit ihren hellen und ihren schwierigen Seiten. Erst wenn Ihnen das vertraut ist, lohnt es sich, Umkehrungen hinzuzunehmen. Notieren Sie dann für einige Karten, wie sich ihre Kraft „gebremst“ oder „nach innen gewendet“ äußern könnte. So entsteht ein eigenes, lebendiges Verständnis, das aus Ihrer Beobachtung wächst.

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