Die Geschichte des Tarot de Marseille: vom italienischen Kartenspiel zum Spiegel
Italienische Ursprünge im 15. Jahrhundert, Nicolas Conver 1760, okkultistische Neudeutung, Paul Marteau – und woher die Legende vom ägyptischen Ursprung kommt.
Inhalt(7 Abschnitte)
Das Tarot de Marseille geht auf ein Kartenspiel zurück, das im 15. Jahrhundert in Norditalien entstand. Über Frankreich verbreitet, nahm es im 17. und 18. Jahrhundert die Bildform an, die wir heute kennen; das Deck von Nicolas Conver aus Marseille (1760) wurde zum bekanntesten Vorbild. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert deuteten französische Okkultisten die Karten als Träger verborgener Weisheit, und erst im 19. und 20. Jahrhundert setzte sich der Name „Tarot de Marseille“ durch, vor allem durch Paul Marteau.
Die oft erzählte Geschichte vom ägyptischen Ursprung ist dagegen eine Legende des 18. Jahrhunderts, eine schöne Erzählung ihrer Zeit. Wer das Tarot heute als Spiegel für das eigene Nachdenken nutzt, gewinnt mit der tatsächlichen Geschichte sogar etwas hinzu: Sie ist reich, gut belegt und voller überraschender Wendungen. Dieser Artikel zeichnet sie nach und stützt sich dabei auf die etablierte Forschung, vor allem auf die Arbeiten von Michael Dummett, Ronald Decker und Thierry Depaulis.
Italienische Anfänge: die Karten der Trümpfe
Spielkarten kamen im späten 14. Jahrhundert nach Europa, vermutlich über den Mittelmeerraum aus der islamischen Welt. Diese frühen Spiele hatten vier Farben mit Zahlen- und Hofkarten – im Grunde die Struktur, die später die kleinen Arkana bilden.
In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam in Norditalien etwas Neues hinzu: eine Reihe zusätzlicher Bildkarten, die alle anderen Karten stechen konnten. Diese Karten hießen „trionfi“, Triumphe – daher unser Wort „Trumpf“. In den 1440er-Jahren tauchen „carte da trionfi“ in Rechnungen und Dokumenten der Höfe von Ferrara und Mailand auf. Das Wort „tarocchi“, aus dem „Tarot“ und „Tarock“ wurden, setzte sich erst Anfang des 16. Jahrhunderts durch.
Aus dieser Zeit sind prachtvolle, von Hand gemalte Karten erhalten, die für Fürstenfamilien angefertigt wurden, etwa die sogenannten Visconti-Sforza-Karten aus dem Mailänder Umfeld. Sie zeigen schon viele der Figuren, die wir aus dem Tarot de Marseille kennen: die Liebenden, den Wagen, das Rad, den Tod, die Welt. Die Bildwelt stammt ganz aus der Kultur der italienischen Renaissance: Tugenden, Triumphzüge, christliche und höfische Motive, wie sie damals auch auf Fresken, in Festumzügen und in Handschriften zu sehen waren.
Wichtig ist der Zweck: Das Tarot war ein Stichspiel – nach demselben Grundprinzip wie spätere Kartenspiele, etwa Skat oder Bridge. Man spielte es am Hof, später auch in Bürgerhäusern und Wirtsstuben. Dieses Spiel lebt bis heute weiter: In Österreich wird Tarock gespielt, in Frankreich das Tarot-Spiel, in Teilen Süddeutschlands und der Schweiz verwandte Varianten – meist mit Karten, deren Bilder sich vom Marseiller Typ deutlich unterscheiden.
Der Marseiller Bildtypus: Holzschnitt und Schablone
Über Norditalien gelangte das Tarot nach Frankreich und in die Schweiz. Dort entstand im 17. und 18. Jahrhundert ein Bildtypus, den man heute „Tarot de Marseille“ nennt. Seine Merkmale: Holzschnitt-Druck, Kolorierung mit Schablonen in wenigen kräftigen Farben, französische Kartennamen in Großbuchstaben, römische Zahlen auf den Trümpfen, abstrakt angeordnete Symbole auf den Zahlenkarten.
Einige Decks dieses Typs sind besonders bekannt:
- Jean Noblet, Paris, um 1650 – eines der ältesten erhaltenen Decks dieses Typs.
- Jean Dodal, Lyon, Anfang des 18. Jahrhunderts.
- Nicolas Conver, Marseille, 1760 – das Deck, das später zum Maßstab wurde.
Marseille war im 18. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum der Spielkartenherstellung, aber der Bildtypus ist älter als die Marseiller Drucke und wurde auch in anderen Städten produziert. Die Kartenmacher kopierten einander, passten Details an und machten dabei auch Fehler; deshalb unterscheiden sich die historischen Decks in Einzelheiten, etwa in Gesichtszügen, Farben oder der Schreibweise der Namen. Typisch ist etwa, dass das U in den Kartennamen als V geschrieben wird – auf dem Deck von Conver steht für den Liebenden „LAMOVREVX“.
Wer diese Unterschiede selbst sehen möchte, hat es heute leicht: Von vielen historischen Decks, darunter die von Noblet, Dodal und Conver, gibt es Nachdrucke und Rekonstruktionen. Legt man sie nebeneinander, erkennt man sowohl die gemeinsame Bildsprache als auch die kleinen Eigenheiten jeder Werkstatt.
Auch typische Besonderheiten, die bis heute gelten, stammen aus dieser Tradition: Die Gerechtigkeit trägt die Nummer VIII, die Kraft die XI; der Narr (Le Mat) bleibt unnummeriert; die Karte XIII ist traditionell die namenlose Karte. Wer mehr über die Unterschiede zu späteren Decks wissen möchte, findet sie in unserem Vergleich Tarot de Marseille oder Rider-Waite.
Die okkultistische Neudeutung ab 1781
Bis ins späte 18. Jahrhundert war das Tarot vor allem ein Spiel. Das änderte sich mit einem Buch.
Antoine Court de Gébelin, ein protestantischer Gelehrter in Paris, veröffentlichte 1781 den achten Band seines Werks Le Monde primitif. Darin behauptete er, die Tarotkarten seien die Überreste eines altägyptischen Buches voller Weisheit, das Priester in einem Spiel versteckt hätten. Im selben Band erschien ein Aufsatz des Comte de Mellet, der die Karten ebenfalls mit Ägypten und mit Wahrsagerei verband. Diese Thesen beruhten auf Vermutungen und spiegeln vor allem die Ägypten-Faszination ihrer Zeit.
Kurz darauf machte Etteilla (Jean-Baptiste Alliette), ein Pariser Kartenleger, das Tarot zum Werkzeug der Wahrsagerei. In den 1780er-Jahren veröffentlichte er Schriften zum Kartenlegen mit dem Tarot und brachte ein eigenes, umgestaltetes Deck heraus, das ausdrücklich zum Kartenlegen gedacht war. Damit war eine neue Nutzung geboren, die das Spiel nach und nach in der öffentlichen Wahrnehmung überlagerte.
Im 19. Jahrhundert bauten französische Okkultisten dieses Gebäude weiter aus:
- Éliphas Lévi (Alphonse-Louis Constant) verband in Dogme et rituel de la haute magie (1854–1856) die 22 Trümpfe mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und damit mit der Kabbala.
- Papus (Gérard Encausse) veröffentlichte 1889 Le Tarot des Bohémiens, ein einflussreiches Handbuch, das die Karten in ein umfassendes esoterisches System einordnete.
- Oswald Wirth gestaltete im selben Umfeld ein eigenes Tarot, das die Marseiller Bilder im Sinne dieser Lehren umzeichnete.
Diese Autoren haben die moderne Tarotpraxis stark geprägt – auch das englische Rider-Waite-Smith von 1909 baut auf ihren Ideen auf. Historisch gesehen ist das okkulte Tarot aber eine Erfindung des späten 18. und des 19. Jahrhunderts, die einem viel älteren Spiel nachträglich eine neue Bedeutung gab. Genau diese Entwicklung haben Ronald Decker, Thierry Depaulis und Michael Dummett in A Wicked Pack of Cards (1996) detailliert nachgezeichnet.
Paul Marteau und der Name „Tarot de Marseille“
Die Bezeichnung „Tarot de Marseille“ ist jünger als die Karten. Sie tauchte im 19. Jahrhundert auf, als Sammler und Autoren den alten Kartentyp beschrieben, und setzte sich im 20. Jahrhundert endgültig durch.
Entscheidend dafür war Paul Marteau, Leiter des Pariser Spielkartenherstellers Grimaud. Grimaud brachte 1930 ein Deck unter dem Titel Ancien Tarot de Marseille heraus, das sich am Deck von Nicolas Conver orientierte. 1949 veröffentlichte Marteau das Buch Le Tarot de Marseille, in dem er die Karten ausführlich deutete und dabei besonders auf Farben, Zahlen und Bilddetails achtete. Für viele Menschen in Frankreich und darüber hinaus wurde das Grimaud-Deck zum Tarot de Marseille schlechthin.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche weitere Ausgaben und Rekonstruktionen. Ein bekanntes Beispiel ist die Restaurierung, die Alejandro Jodorowsky und Philippe Camoin 1997 vorlegten; Jodorowsky veröffentlichte zusammen mit Marianne Costa außerdem das Buch La Voie du Tarot (2004), das die Lektüre der Bilder und ihrer Beziehungen in den Mittelpunkt stellt. Ob man diese Rekonstruktionen für historisch überzeugend hält, wird unterschiedlich beurteilt – sie zeigen aber, wie lebendig die Tradition geblieben ist.
Mythen, die Sie getrost beiseitelegen können
Rund um das Tarot kursieren Behauptungen, die gut klingen und deren wahre Herkunft die Forschung inzwischen geklärt hat.
Der ägyptische Ursprung. Court de Gébelins These von 1781 beruhte auf Spekulation. Als Jean-François Champollion 1822 die Hieroglyphen entzifferte, wurde es möglich, ägyptische Texte zu lesen. Seitdem lassen sich die Quellen prüfen, und sie führen zu einem klaren Ergebnis: Die Karten sind im Italien der Renaissance entstanden, und ihre Bilder entsprechen der Kunst dieser Zeit.
Der Ursprung bei den „Zigeunern“. Im 19. Jahrhundert wurde behauptet, Roma-Gruppen hätten das Tarot aus dem Osten nach Europa gebracht – daher der Titel Le Tarot des Bohémiens. Auch diese Erzählung ist eine spätere Zuschreibung: Das Tarot ist in italienischen Hofdokumenten nachweisbar, lange bevor jemand eine solche Verbindung behauptete. Diese Legende hat zudem lange Vorurteile genährt.
Die uralte Geheimlehre. Die Verbindung der Trümpfe mit der Kabbala, der Astrologie oder den hebräischen Buchstaben stammt aus dem 19. Jahrhundert. Man kann diese Systeme nutzen, wenn sie einem beim Nachdenken helfen, und sie dabei als das betrachten, was sie sind: eine spätere Deutungsschicht über den ursprünglichen Bildern.
Das „verbotene“ Wissen. Gelegentlich heißt es, das Tarot sei von der Kirche verboten oder verfolgt worden, weil es Geheimnisse enthalte. Belegt sind vor allem Verbote und Einschränkungen von Glücksspielen allgemein, die auch Karten betrafen. Diese Regeln galten dem Glücksspiel und trafen das Tarot als ein Spiel unter vielen.
Das Tarot de Marseille heute
Heute wird das Tarot de Marseille auf sehr unterschiedliche Weise genutzt: als Spiel, als Sammelobjekt, als Kunstwerk, als Werkzeug zum Kartenlegen und – wie bei uns – als Spiegel für das eigene Nachdenken. Wir nutzen seine Bilder, um Fragen zu klären, Gefühle zu benennen und Entscheidungen bewusster zu treffen. Wie das konkret aussieht, beschreibt unser Artikel Tarot als Spiegel.
Für die Praxis hat diese Geschichte ganz konkrete Folgen. Weil das Marseiller Tarot aus dem Spiel kommt, ist seine Struktur schlicht: vier Farben, Zahlen von eins bis zehn, vier Hofkarten, 22 Trümpfe und der Narr. Weil es mit Holzschnitt und Schablone gedruckt wurde, arbeitet es mit wenigen, wiederkehrenden Farben und mit klaren Umrissen – Details, auf die Lesende bis heute achten, etwa die Blickrichtung einer Figur oder ein Gegenstand, der auf mehreren Karten auftaucht. Und weil die okkultistischen Systeme erst später hinzukamen, können Sie frei entscheiden, ob Sie sie nutzen oder die Bilder einfach für sich sprechen lassen. Beides ist möglich; wichtig ist nur, die Schichten auseinanderzuhalten.
Die Geschichte zu kennen, schenkt dem Tarot zusätzliche Tiefe. Sie schärft den Blick: Die Karten sind ein über Jahrhunderte gewachsenes Bildsystem, an dem italienische Maler, französische Kartenmacher, okkultistische Autoren und heutige Lesende mitgewirkt haben. Gerade diese Vielschichtigkeit macht die Bilder so reich.
Wenn Sie die Bilder selbst entdecken möchten, beginnen Sie mit unseren Beschreibungen der 78 Karten des Tarot de Marseille, oder machen Sie eine Legung zu einer Frage, die Sie beschäftigt. Was Sie in den Karten sehen, bleibt Ihre eigene Deutung.
Häufige Fragen
Woher stammt das Tarot ursprünglich?
Aus Norditalien. Die ältesten Belege für Tarotkarten, damals „carte da trionfi“ genannt, stammen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, aus dem Umfeld der Höfe von Mailand und Ferrara. Die Karten dienten einem Stichspiel mit Trümpfen. Die heute bekannte Nutzung zum Kartenlegen kam erst Jahrhunderte später, vor allem im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts, hinzu.
Stammt das Tarot aus dem alten Ägypten?
Nein. Das Tarot stammt aus Norditalien; der ägyptische Ursprung ist eine Legende. Antoine Court de Gébelin stellte diese Idee 1781 in seinem Werk „Le Monde primitif“ als reine Vermutung auf. Seit Champollion 1822 die Hieroglyphen entzifferte, lassen sich ägyptische Texte lesen – die frühesten Tarotbelege finden sich dagegen in italienischen Hofdokumenten des 15. Jahrhunderts. Die historische Forschung, etwa die Arbeiten von Michael Dummett, hat die italienische Herkunft als Kartenspiel klar belegt.
Warum heißt es „Tarot de Marseille“?
Weil Marseille im 18. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum der Spielkartenherstellung war und mehrere bekannte Decks dieses Typs dort entstanden, darunter das von Nicolas Conver von 1760. Die Bezeichnung selbst ist aber nachträglich: Sie kam im 19. Jahrhundert auf und setzte sich im 20. Jahrhundert durch, vor allem durch die Ausgabe von Paul Marteau beim Verlag Grimaud.
Welches ist das älteste Tarot de Marseille?
Zu den ältesten erhaltenen Decks dieses Typs gehört das von Jean Noblet, das um 1650 in Paris entstand. Ebenfalls bekannt sind das Deck von Jean Dodal aus Lyon vom Anfang des 18. Jahrhunderts und das von Nicolas Conver aus Marseille von 1760. Der Bildtypus ist also älter als die Stadt, nach der er heute benannt ist.
Welche Bücher eignen sich zur Geschichte des Tarot?
Grundlegend sind die Arbeiten des britischen Philosophen und Spielkartenhistorikers Michael Dummett, besonders „The Game of Tarot“ (1980), sowie „A Wicked Pack of Cards“ (1996), das er gemeinsam mit Ronald Decker und Thierry Depaulis über die Entstehung des okkulten Tarot schrieb. Für die Marseiller Deutungstradition ist Paul Marteaus „Le Tarot de Marseille“ (1949) eine wichtige Quelle.
Quellen und Lektüre
- Michael Dummett: The Game of Tarot. From Ferrara to Salt Lake City (1980)
- Ronald Decker, Thierry Depaulis, Michael Dummett: A Wicked Pack of Cards. The Origins of the Occult Tarot (1996)
- Antoine Court de Gébelin: Le Monde primitif, Band 8 (1781)
- Paul Marteau: Le Tarot de Marseille (1949)
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