Tarot de Marseille oder Rider-Waite: die echten Unterschiede beim Kartenlesen
Geschichte, Bilder, kleine Arkana als Szenen oder als Symbolordnung, Nummerierung, Kartennamen: was sich zwischen Tarot de Marseille und Rider-Waite-Smith konkret ändert.
Inhalt(6 Abschnitte)
Der wichtigste Unterschied zwischen dem Tarot de Marseille und dem Rider-Waite-Smith liegt in den kleinen Arkana: Im Rider-Waite-Smith zeigt jede Zahlenkarte eine Szene, aus der man die Bedeutung abliest; im Tarot de Marseille zeigen die Zahlenkarten geometrisch angeordnete Symbole, und man liest die Zahl und die Farbe. Hinzu kommen abweichende Nummern (Kraft und Gerechtigkeit sind vertauscht), andere Kartennamen und eine andere Art, auf die Karten zu schauen.
Beide Decks haben 78 Karten und dieselbe Grundstruktur aus 22 großen und 56 kleinen Arkana. Beide sind gleichermaßen „richtig“. Das Marseiller Tarot ist das ältere Modell, das Rider-Waite-Smith hat die meisten modernen Decks geprägt. Welches zu Ihnen passt, hängt davon ab, wie Sie lesen möchten. Hier erfahren Sie, was sich konkret unterscheidet.
Zwei verschiedene Geschichten
Das Tarot de Marseille bezeichnet einen Kartentyp, der im 17. und 18. Jahrhundert in Frankreich hergestellt wurde – in Marseille, aber auch in Paris, Lyon und anderswo. Berühmte Beispiele sind die Decks von Jean Noblet (um 1650, Paris), Jean Dodal (frühes 18. Jahrhundert, Lyon) und Nicolas Conver (1760, Marseille). Gedruckt wurden sie mit Holzschnitten und mit Schablonen koloriert. Ursprünglich war das Tarot ein Kartenspiel, entstanden im 15. Jahrhundert in Norditalien; die Nutzung zum Wahrsagen und zur persönlichen Reflexion kam erst später auf. Mehr dazu lesen Sie in unserem Artikel zur Geschichte des Tarot de Marseille.
Das Rider-Waite-Smith erschien 1909 in London beim Verlag Rider. Konzipiert hat es Arthur Edward Waite, gezeichnet die Künstlerin Pamela Colman Smith; beide gehörten zum Umfeld des esoterischen Ordens Golden Dawn. Ein Begleitbuch von Waite, The Pictorial Key to the Tarot, erklärte die Bilder. Heute ist es das verbreitetste Tarot im englischsprachigen Raum und Vorlage für unzählige moderne Decks. Lange hieß es einfach „Rider-Waite“; inzwischen wird Pamela Colman Smiths Anteil zunehmend im Namen gewürdigt.
Im deutschsprachigen Raum begegnet man häufig noch einer dritten Familie: dem Thoth-Tarot, das Aleister Crowley mit der Malerin Frieda Harris zwischen 1938 und 1943 gestaltete und das 1969 erstmals als Deck erschien. Es folgt wieder einem eigenen System; dieser Vergleich konzentriert sich auf Marseille und Rider-Waite-Smith.
Die Unterschiede, die die Deutung verändern
| Tarot de Marseille | Rider-Waite-Smith | |
|---|---|---|
| Kleine Arkana (Ass bis Zehn) | Geometrische Anordnungen: man liest Zahl und Farbe | Illustrierte Szenen: man liest das Bild |
| Gerechtigkeit / Kraft | Gerechtigkeit = VIII, Kraft = XI | Kraft = VIII, Gerechtigkeit = XI |
| Der Narr | Le Mat, unnummeriert | The Fool, Nummer 0 |
| Karte XIII | Traditionell „l’Arcane sans nom“, die namenlose Karte | Death (Der Tod) |
| Farben | Stäbe, Kelche, Schwerter, Münzen (Deniers) | Wands, Cups, Swords, Pentacles |
| Hofkarten | Bube (Valet), Ritter, Königin, König | Page, Knight, Queen, King |
| Umgekehrte Karten | Oft wie aufrechte Karten gelesen; man liest Blicke und Bezüge | Häufig gedeutet |
Die kleinen Arkana: Zahl oder Szene?
Das ist in der Praxis der größte Unterschied. Im Rider-Waite-Smith zeigt die Fünf der Kelche eine trauernde Gestalt vor umgestürzten Kelchen: Das Bild liefert die Bedeutung. Im Tarot de Marseille zeigt die Fünf der Kelche fünf Kelche, angeordnet um ein florales Motiv. Man liest die Fünf – eine Stufe des Ungleichgewichts, der Bewegung, des Übergangs – angewandt auf den Kelch, also das Gefühlsleben, die Beziehungen. Das verlangt, eine Logik zu lernen. Ist sie einmal verstanden, gilt sie aber für alle 40 Zahlenkarten.
Smiths Szenen waren übrigens eine bemerkenswerte Neuerung mit einem frühen Vorbild: Für einige Bilder ließ sie sich vom italienischen Sola-Busca-Tarot aus dem späten 15. Jahrhundert anregen, einem der wenigen alten Decks mit illustrierten Zahlenkarten.
Die vier Farben und ihre Themen
In beiden Traditionen werden den vier Farben verbreitet ähnliche Lebensbereiche zugeordnet. Die Stäbe stehen für Antrieb, Tatkraft, Kreativität und oft für die Arbeit; die Kelche für Gefühle, Beziehungen und das Innenleben; die Schwerter für das Denken, Entscheidungen und Konflikte; die Münzen (im Marseiller Tarot „Deniers“) für Materielles, Geld, Körper und Alltag. Diese Zuordnungen stammen aus späteren Deutungstraditionen, die nach den alten Spielkarten entstanden, und haben sich in beiden Familien durchgesetzt.
Der Unterschied liegt darin, wie man diese Themen liest. Im Rider-Waite-Smith verbindet die Szene Farbe und Zahl bereits zu einer Geschichte. Im Tarot de Marseille kombinieren Sie selbst: Eine Zehn der Schwerter ist „das Ende eines Zyklus“ (Zehn) im Bereich „Denken und Konflikt“ (Schwerter) – etwa das Ende einer zermürbenden Auseinandersetzung, nach der man den Kopf wieder frei bekommt. Diese Kombination ist freier, aber auch anspruchsvoller.
Die Hofkarten
Auch die 16 Hofkarten unterscheiden sich. Im Marseiller Tarot heißen sie Bube (Valet), Ritter (Cavalier), Königin (Reine) und König (Roi); ihre Figuren sind in Kleidung, Haltung und Blickrichtung sehr unterschiedlich gestaltet, und viele Lesende achten darauf, wohin sie schauen. Im Rider-Waite-Smith heißen sie Page, Knight, Queen und King; jede Figur steht in einer Landschaft, die ihr Element betont. Beide Systeme deuten die Hofkarten oft als Haltungen oder Rollen – manchmal auch als reale Personen in Ihrem Umfeld.
Die Namen der Karten
Mehrere Karten tragen andere Namen und damit leicht andere Akzente. Der Gaukler (Le Bateleur) wird im englischen Deck zu The Magician, in deutschen Ausgaben meist „Der Magier“. Die Päpstin (La Papesse) wird zur Hohepriesterin, Der Papst (Le Pape) zum Hierophanten, Das Haus Gottes (La Maison Dieu) zum Turm. Der Liebende (L’Amoureux) wird zu den Liebenden – im Marseiller Bild steht ein junger Mann zwischen zwei Frauen, das Thema ist stärker die Wahl; im Rider-Waite-Smith stehen ein Mann und eine Frau unter einem Engel, das Thema rückt in Richtung Partnerschaft.
Deutsche Übersetzungen beider Traditionen verstärken die Verwirrung: Dieselbe Karte kann je nach Deck und Buch drei verschiedene Namen tragen. Wenn Sie mit Büchern aus beiden Welten arbeiten, hilft es, sich vor allem an der Nummer und am Bild zu orientieren: Sie sind die verlässlicheren Wegweiser.
Die Art, hinzuschauen
Das Tarot de Marseille lädt dazu ein, die Beziehungen zwischen den Karten zu lesen: Wohin blickt eine Figur, was hält sie, was wiederholt sich von einer Karte zur nächsten – eine Farbe, eine Geste, ein Gegenstand. Das Rider-Waite-Smith erzählt dagegen in jeder einzelnen Karte eine kleine Geschichte, die man auch ganz für sich allein verstehen kann.
Das ist einer der Gründe, warum wir uns für das Marseiller Tarot entschieden haben: Es eignet sich gut für ein Lesen als Spiegel, bei dem man zuerst beobachtet und erst dann deutet.
Nummerierung und umgekehrte Karten
Die vertauschten Nummern von Kraft und Gerechtigkeit wirken wie ein Detail, haben aber Folgen, sobald Sie mit Zahlen arbeiten – etwa wenn Bücher die großen Arkana in Reihen oder Paaren ordnen oder wenn Sie eine Karte über ihre Nummer nachschlagen. Ein Buch zum Rider-Waite-Smith, das von „Karte VIII“ spricht, meint die Kraft; im Marseiller Tarot ist die VIII die Gerechtigkeit. Ähnliches gilt für den Narren: Im Rider-Waite-Smith steht er als 0 am Anfang der Reihe, im Tarot de Marseille bleibt Le Mat unnummeriert und wandert je nach Autor an den Anfang, an das Ende oder neben die Reihe.
Auch beim Umgang mit umgekehrten Karten gehen die Gewohnheiten auseinander. In vielen Büchern zum Rider-Waite-Smith gehört eine eigene Bedeutung für jede umgekehrte Karte zum Standard. Im Umfeld des Tarot de Marseille verzichten viele Lesende darauf und lesen die Nuancen aus Blickrichtung, Position und Nachbarkarten. Beides sind Konventionen; mehr dazu in unserem Artikel über umgekehrte Karten im Tarot de Marseille.
Was beide gemeinsam haben
Bei allen Unterschieden ist das Gemeinsame groß. Beide Decks haben 22 große Arkana, die von ähnlichen Grundthemen erzählen: Aufbruch, Autorität, Wahl, Bewegung, Ausgleich, Rückzug, Wandel, Hoffnung, Vollendung. Beide teilen die kleinen Arkana in vier Farben mit je zehn Zahlenkarten und vier Hofkarten. Und beide lassen sich in denselben Legungen verwenden – Drei-Karten-Legung, Kreuz, Entscheidungslegung.
Auch das, was eine gute Deutung ausmacht, ist dasselbe: eine klare, offene Frage, Positionen, die vor dem Ziehen feststehen, und der Mut, auch einer unbequemen Karte offen ins Gesicht zu sehen. Wer mit dem einen Deck sorgfältig lesen gelernt hat, findet sich im anderen schnell zurecht.
Gemeinsam ist ihnen schließlich auch, dass bei beiden Decks die Entscheidungen bei Ihnen bleiben. Ob Marseille oder Rider-Waite-Smith: Die Karten liefern Bilder, an denen sich Ihr Nachdenken entzünden kann. Was daraus folgt, entscheiden Sie selbst.
Welches Tarot passt zu Ihnen?
Ein paar Orientierungspunkte, die Ihnen die Wahl erleichtern:
- Sie mögen erzählende Bilder und wollen schnell loslegen: Das Rider-Waite-Smith ist bei den kleinen Arkana unmittelbarer.
- Sie beobachten gern, vergleichen, suchen Entsprechungen: Das Tarot de Marseille belohnt diesen Blick, und seine Zahlenlogik ist überschaubar, sobald man sie verstanden hat.
- Sie interessieren sich für Geschichte: Das Marseiller Modell bringt Sie näher an die alten Spielkarten und an die französische Tradition.
- Sie lernen mit einem bestimmten Buch: Nehmen Sie das Deck, auf das sich das Buch bezieht. Buch und Deck aus derselben Tradition machen gerade die kleinen Arkana leicht zugänglich.
- Sie nutzen Tarot Universel: Unsere Deutungen und unsere Beschreibungen der 78 Karten folgen der Tradition des Tarot de Marseille – Nummerierung, Namen, Farben.
Manche Menschen arbeiten mit beiden Decks, je nach Frage oder Stimmung. Das passt gut zusammen, solange Sie innerhalb einer Legung bei einem System bleiben.
Ein kleiner Test, der bei der Wahl hilft
Wenn Sie unsicher sind, probieren Sie Folgendes: Legen Sie, etwa auf Bildern im Netz oder in einer Buchhandlung, die Drei der Schwerter beider Decks nebeneinander. Im Rider-Waite-Smith sehen Sie ein von drei Schwertern durchbohrtes Herz – die Bedeutung springt Ihnen entgegen. Im Tarot de Marseille sehen Sie gekreuzte, gebogene Klingen und ein Schwert in der Mitte, umrankt von Blüten. Fragen Sie sich ehrlich, welches Bild Sie neugieriger macht. Wenn Sie die direkte Botschaft mögen, ist das Rider-Waite-Smith wahrscheinlich Ihr Deck. Wenn Sie anfangen, über die Anordnung nachzudenken, liegt Ihnen eher das Marseiller Tarot.
Am Ende zählen vor allem die Frage, die Sie stellen, und die Art, wie Sie die Karten Ihnen beim Nachdenken helfen lassen. Zum Ausprobieren können Sie eine Legung mit dem Tarot de Marseille machen oder durch die Kombinationen der großen Arkana stöbern.
Häufige Fragen
Welches Tarot eignet sich für Anfänger?
Beide sind geeignet. Das Rider-Waite-Smith erleichtert den Einstieg, weil seine kleinen Arkana mit Szenen illustriert sind, aus denen man eine Bedeutung ablesen kann. Beim Tarot de Marseille lernen Sie zuerst die Logik der kleinen Arkana aus Zahl und Farbe, gewöhnen sich dafür aber daran, Bilder genau anzuschauen und die Beziehungen zwischen Karten zu lesen.
Warum haben Kraft und Gerechtigkeit verschiedene Nummern?
Im Tarot de Marseille trägt die Gerechtigkeit (La Justice) die Nummer VIII und die Kraft (La Force) die Nummer XI. Im Rider-Waite-Smith von 1909 hat Arthur Edward Waite die beiden Karten vertauscht: Dort ist die Kraft die VIII und die Gerechtigkeit die XI. Waite begründete das mit seinem eigenen symbolischen System; im Marseiller Tarot gilt die ältere Reihenfolge.
Kann ich Rider-Waite-Bedeutungen für ein Tarot de Marseille verwenden?
Bei den großen Arkana liegen die Grundideen nah beieinander, auch wenn Namen und Details abweichen. Bei den kleinen Arkana trennen sich die Wege: Die Rider-Waite-Bedeutungen hängen an den Szenen, die Pamela Colman Smith gezeichnet hat. Die Zahlenkarten des Tarot de Marseille zeigen geometrisch angeordnete Symbole, dort lesen Sie Zahl und Farbe.
Welches Tarot verwendet Tarot Universel?
Das Tarot de Marseille mit seinen 22 großen Arkana und, als Option, seinen 56 kleinen Arkana. Unsere Kartenbeschreibungen und Deutungen folgen dessen Tradition bei Nummerierung, Farben und Aufbau. Die Methode – von einer offenen Frage ausgehen und die Karten an ihrer Position lesen – lässt sich aber auf jedes Deck übertragen.
Ist eines der beiden Tarots „echter“ oder besser?
Nein. Beide sind gleichwertig. Das Tarot de Marseille ist älter, das Rider-Waite-Smith hat die meisten modernen Decks geprägt. Beide sind in sich stimmige Systeme mit eigener Geschichte. Welches besser zu Ihnen passt, hängt davon ab, ob Sie lieber erzählende Szenen oder eine strukturierte Bildsprache lesen. Beide stehen auf derselben Stufe, und viele Lesende kennen und schätzen beide.
Quellen und Lektüre
- Historische Decks des Marseiller Typs: Jean Noblet (um 1650), Jean Dodal (frühes 18. Jahrhundert), Nicolas Conver (1760)
- Rider-Waite-Smith: 1909 beim Verlag Rider (London) erschienen, konzipiert von Arthur Edward Waite, gezeichnet von Pamela Colman Smith
Möchten Sie es mit Ihrer eigenen Frage ausprobieren?
Die App deutet Ihre eigene Tarot-de-Marseille-Legung Karte für Karte, ausgehend von Ihrer Frage.
Kostenlose Legung startenErste Legung kostenlos · danach Token ab 4,99 €, flexibel nach Bedarf
